In Ghana laufen die Menschen gerne Hand in Hand.
Kann ja auch ganz schön sein, muss es aber nicht!
Meine ersten Erfahrungen mit dieser Eigenart der Kultur waren sehr schön. Putzige kleine Racker liefen mir in den Straßen zu und packten mich an der Hand. So spaziert man dann eine Weile und die Kleinen sind stolz wie Oskar, dass sie jetzt so einen großen ‚Obroni‘-Onkel haben. Obroni – so wird hier der weiße Mensch genannt. An und für sich ist Händchenhalten ja auch etwas Wunderbares. Die Berührung. Man spürt den anderen Menschen, ist ihm nah und verliert alle Kontaktängste. Irgendwas muss es ja damit auf sich haben, dass man sich in fast allen Kulturen der Welt zur Begrüßung erst einmal irgendwie anpackt. Aber bald sollte ich die Erfahrung machen, dass auch so etwas menschelnd-unschuldiges wie das Händchenhalten eine Schattenseite haben kann.
Es war in einer der ersten Wochen meines Aufenthaltes hier in Ghana. Ich wohnte noch im Haus meines Kollegen Thomas. Etwas verschlafen stieg ich den Hügel seines Hauses herab. Ein Stück musste ich über die maroden Gleise laufen bis ich zur Brücke kam. Auf diesem Weg begegnete ich meist Bauernjungs mit Macheten auf dem Weg in den Bush und Marktfrauen mit dicken Blechkübeln auf dem Kopf. An diesem Morgen vielen mir die Berüßungsfloskeln etwas schwer. Ich war noch nicht so geübt mit der nimmer endenden Begeisterung der Menschen umzugehen, die einem als Weißen hier täglich entgegen sprüht. Das ist tatsächlich so. Auch nach all den Jahren von Sklaverei, religiöser Indoktrination, Kolonialismus, Neokolonialismus, USA und EU. Einige Freunde haben mir vor kurzem Mal eine durchaus glaubwürdige Antwort gegeben, warum das so ist: Als sie noch Kinder waren, sagten ihnen die Eltern alle Weißen seien Engel. Der bleiche Propaganda-Jesus, der einem hier überall entgegen schmachtet, erledigt dann den Rest. Halleluja, Amen und dann ist das so.
Jedenfalls war ich an diesem Morgen müde. Ich kam zur Schranke an der Brücke und da begegnete ich meinem Freund dem Bullen. Er gehört zu jener besonders gestraften Gattung Mensch, denen der miese Charakter schon in die Fratze eingeschrieben ist. Er war fett, schielte aus einem paar kleiner Augen und grinste mir mit seinen schiefen Zähnen entgegen: „Obroni! Where is my money!“ Ich sagte ihm glatt ins Gesicht, dass ich ihm fürs überquere dieser einsturzgefährdeten Brücke auf keinen Fall auch nur einen einzigen Cent geben würde, nicht mal in seiner inflationären Landeswährung. Die Antwort gefiel ihm. Er lachte mit weit aufgerissenem Mund, stellte sich vor und holte zum Handschlag aus. Und dann passierte es. Als er einmal meine Hand in seiner Pranke hielt, gab es kein entkommen mehr. Er faselte mir mit einem Brei von schwerverständlichem Englisch die Ohren voll. Ich verstand, dass er Bulle war, irgendein Chief und ne ziemlich unausstehliche Sau. Ich dachte mir aber, in einem afrikanischen Land verscherzt man sich‘s lieber nicht unnötig mit der Polizei und begegnete ihm mit jovialer Großherzigkeit. Viel in sein breites Lachen ein und dachte ich könnte mich mit einer schnellen Umdrehung aus der Falle befreien. Aber er hielt sich an meiner Hand fest, nicht sehr kräftig, aber stark genug, um sie nicht zu verlieren. Er schlug vor, er könnte mich doch ein Stück meines Weges begleiten.
Also liefen wir Hand in Hand den Weg auf der Hauptstraße in den Ort hinein. Das muss ein herrliches Bild gewesen sein. Die Aufmerksamkeit der restlichen Gesellschaft war mir ja sowieso schon gewiss, aber im Schlepptau mit dem fetten Schrankenbullen über die Hauptstraße zu spazieren, dass gab meiner Außenwirkung noch eine neue Qualität. Mit jedem Schritt wurde deutlicher, dass der Kerl tatsächlich vor hatte, mich durch den ganzen Ort Gassi zu führen. Ein Schauer durchfuhr mich und ich schüttelte die Hand des dicken Fieslings brüsk ab. Aber sogleich überkam mich der Gedanke, hier vielleicht einen schweren strategischen Fehler zu begehen. Vielleicht würde so ein Kumpel von der dunklen Seite der Macht sich eines Tage als wichtiger Verbündeter herausstellen. Also zog ich eine versöhnliche Miene auf, tat als wär nichts passiert und formte mit meinen Sprachorganen eine Schallwelle zum Lücke-füllen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich gesagt habe, meist ist es ja in solchen Momenten einfach irgendwas übers Wetter. Ich ließ die Hand einfach herunterbaumeln, als wär mir gar nicht aufgefallen, dass ich sie soeben panisch aus seinen Klauen befreit hatte. Mein dunkler Kumpel nahm den Lückenfüller gern und auch die freibaumelnde Hand. Und so standen wir wieder da Hand in Hand, wie Erstklässler auf Exkursion. Ich dachte mir, ein paar Meter im Schlepptau mit dem Bullen für Freifahrscheine bei zukünftigen Verbrechen, das ginge schon in Ordnung. Und schließlich habe ich ja auch ein Kultursensibilisierungsprogramm von hochbezahlten Spezialisten in Deutschland erhalten, die mich auf solche Vorfälle vorbereitet haben.
Als erstes passierten wir ein paar Handwerker, die an einem hoffnungslos verrosteten Stück Blech herum schraubten. Sie blickten uns ungläubig an, sagten aber nichts. Das ist für die Verhältnisse in Twifu Praso sehr verdächtig. Irgendeinen Begrüßungsspruch hat hier jeder parat und wenn es nur das simple „OOOObroni!“ ist. Angriff ist die beste Verteidigung, also machte ich einen Scherz über die Rostlaube an der sie werkelten. Dafür bekam ich wenigstens ein ungläubiges „Obloniiii“. Und dann Gelächter. Ich war aber nicht ganz sicher, ob es sich um das übliche Gelächter handelte, oder ob die Präsenz meines dicken Freundes eine leichte Oktavverschiebung bewirkte. Die dichtbevölkerte Hauptkreuzung kam immer näher. Ich dachte mir ich könnte das ganze etwas einfacher durchstehen, wenn ich mich zumindest mit dem Kerl über irgendwas unterhalten könnte. Aber jegliche Unterhaltung scheiterte an der Sprachbarriere und so spazierten wir einfach Hand in Hand dahin. Allen vorübergehenden zeigte mein Bullenkollege triumphierend die schiefen Zähne. Als der korrupte Gauner sich aber dazu entschloss mit mir in der Hand einen längeren tratsch mit einigen Kumpanen in Lokaldialekt einzufädeln, war mein von Kultursensibilität und Vorteilserschleichung motivierter Anflug von Toleranz vorüber. Ich schiss also auf die paar Kneten die mir der Kerl in Zukunft mal für‘s von der Brücke pinkeln abzocken würden und riss mich los. Ich stürmte in Richtung Hauptkreuzung und rief noch zurück „Time is Money“. Solche Sprüche kommen hier immer gut an. Das war also das erste Mal, dass ich die dunkle Seite des Händchenhaltens erspürte.
Einige Monate später, der Vorfall war schon so gut wie vergessen, ich hatte viele positive Handerfahrungen gemacht und zum Beispiel gelernt wie man den coolen African-Handshake richtig knallen lässt oder wie kleine Kulleraugen-Afro-Babys zum ersten mal ungläubig meine weiße Haut betasten, da kam alles noch viel grauenhafter. Denn ich begegnete der überfreudigen ‚Arise-Mamma‘ mitten im Gedränge des Dienstag-Marktes. ‚Arise Mamma‘, das ist ein dem Michelin-Männchen ähnliches Geschöpf mit aufgeschwemmten Backen, einer tiefen Stimme, dichter Nackenbehaarung und mächtigen Busen und Oberschenkeln. Heute hat mir unser ältester Report erzählt, warum sie eigentlich Arise Mamma genannt wird. Er sagte sie erhielte den Namen, weil sie gerne die Jungs vom Radio mag und die wiederum sie gerne anfassen. (!?) Auch wenn ich mir sogar vorstellen kann, dass an dieser Geschichte etwas Wahres dran‘ ist, dann reicht es doch nicht aus, das Phänomen ‚Arise-Mamma‘ angemessen zu erklären. Fakt ist nämlich auch, dass die etwa 50ig jährige Milchdosenverkäuferin (damit habe ich sie jedenfalls beim letzten mal gesehen) eine sehr witzige und herzliche Gestalt ist und ein fabelhaftes Maskottchen ausmacht. Bei allen Radio-Veranstaltungen ist sie in vorderster Reihe dabei. Vor einigen Wochen lief sie sogar bei einem Langstreckenlauf mit. Als sie als Letzte vor dem Radio ankam, taumelte sie perfekt gespielt mitten in die Siegerehrung hinein und ließ ihren massiven Körper direkt vor dem Pult mit den Geschenken für die Sieger zusammensacken. Keuchend und prustend forderte sie auf, mit Wasser übergossen zu werden und schaffte es so den Mustersportlern so gekonnt die Schau zu stehlen. Mit der Nummer sicherte sie sich oben drein noch einen der besten Preise.
Eine Sache ist es der Mamma bei ihren neuesten Streichen zuzuschauen, etwas Anderes jedoch, mit ihr Händchenhalten über den Dienstag-Markt zu spazieren. ‚Obroni‘ Hand in Hand mit der ‚Arise-Mamma‘ auf dem Markt, das war vielleicht ein Riesenspaß für ganz Twifu Praso. Und die Damen mit dem stinkenden Fisch lachen sich heute noch kaputt, wenn sie mich nur von weitem erblicken. Ich hoffe, ich kann mit diesem Text mein Trauma überwinden. Soll ja helfen, wenn man über seine Probleme spricht.
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